Dienstag, 11. Dezember 2012

Läufer meets Twitter - Liebe auf den dritten Blick

Ich gehöre ja noch der Generation an, die ihr überaus reichlich vorhandenes Informationsbedürfnis jahrelang ausschließlich über gedruckte Zeitungen oder Magazine gestillt und regelmäßig zu einer bestimmten Uhrzeit die Tagesnachrichten im Fernsehen konsumiert hat. Und wenn uns einmal ein Thema besonders auf den Nägeln brannte, dann haben wir einen Leserbrief an die Zeitung geschrieben. Anfangs auf dem Postweg, später sogar für die besonders Fortschrittlichen per Fax. In der Regel wurden die dann auch veröffentlicht. Manche zeitnah und für andere erkennbar positioniert, manche auch mal Wochen später irgendwo hinter dem Anzeigenteil. Dies hatte manchmal mit der Qualität des Leserbriefs zu tun, nicht selten aber auch damit, dass Inhalt oder Autor dem zuständigen Redakteur nicht so recht gefallen wollten. Kritik an der veröffentlichten Meinung war in der Regel besonders ungern gesehen. Da ich mich mit Leidenschaft des öfteren in dieser Form zu Wort gemeldet habe, war mir der "Dank" der lokalen Presse (für lange Zeit nur die eine Allgemeine Zeitung) sicher. Das hatte dann z.B. zur Folge, dass die Redaktion meine bescheidenen sportlichen Leistungen in der Regel komplett ignorierte. Begründung: "Im Vergleich zur nationalen oder internationalen Spitze ist eine 2:36h im Marathon nicht der Rede wert". Streng genommen lagen die Leute damit nicht ganz daneben. Doch wenn ein Kilometerschnitt von unter 4 Minuten von einem voll berufstätigen Menschen mit nur begrenzten sportliche Talenten erbracht wird und er dann noch zu einem Platz unter den Top 10 des lokalen Stadtmarathons reicht, wäre der mit Abstand schnellste Lokalmatador ggf. doch eine Zeile wert gewesen. Besonders dann, wenn über mehrere Seiten von dem Ereignis berichtet wird. Und noch mehr, wenn man Woche für Woche mit Berichten über die mehr oder weniger überzeugenden Leistungen von Amateur-Kickern bis in die letzte Kreisklasse hinein zugeschüttet wird. Dachte ich jedenfalls. War aber nicht so, ganz im Gegenteil.

Und was hat jetzt dieser kleine Rückblick in die eigene Vergangenheit mit dem großen Ganzen der Medienwelt zu tun? Nun, ganz einfach: Die Zeiten haben sich inzwischen geändert, Geschichten wie diese sind heutzutage zwar noch denkbar, doch sie bleiben in der Regel nicht mehr folgenlos. Ernszunehmende schreibende Journalisten (also nicht Bild und Co.), die objektive Berichterstattung und persönliche Meinungsäußerung jenseits der Demarkationslinie der Kommentarspalten der Blätter und Webseiten permanent vermischen, sind eine selten gewordene Spezies. Journalisten, die den Lesern nicht die Welt erklären, sondern wie sie die Welt zu sehen haben, drohen unterzugehen. Die gehen unter im Meinungsstrudel des Internets, sie versinken zwischen Agenturmeldungen, Tweets und Facebook-Posts. Journalisten der schreibenden Zunft fahnden gemeinsam mit ihren Verlagen nach neuen Geschäftsmodellen und beklagen den Verfall der Qualtität in ihrem Metier. Sie haben Recht, zumindest zum Teil. Denn es ist schon besorgniserregend, dass weite Teile der jüngeren Generation den Umgang vor allem mit Zeitungen, aber auch investigativen Formaten im Fernsehen, gar nicht mehr erst kennenlernen. Das liegt zum Teil sicher daran, wie Michael Geffken, Direktor der Leipzig School of Media, in einem Interview mit Cicero gerade formulierte, dass die "Tageszeitungen selbst zu Verlautbarungsorganen wurden, die Pressemitteilungen abdruckten und leicht umgeschrieben Parteistatements publizierten". Dies liegt vielleicht aber auch daran, dass hier unsere Bildungseinrichtungen auf der ganzen Linie versagen. Unsere Schulen - und weite Teil der Lehrerschaft - sehen sich ja vom Internet und seinen Akteuren häufig genauso in ihrer Deutungshoheit bedroht wie viele Redakteure. Daher hat wirkliche Medienerziehung in Deutschland lange Zeit versagt und noch nicht alle Schulen haben dieses Defizit mittlerweile ausgeglichen. Hier liegt denn auch die eigentliche Gefahr des durch das Internet getriebenen "Rudeljounalismus", wenn er auf Menschen trifft, die ihn nicht einordnen können.

Daher sind Digitale Einwanderer vielleicht am Ende sogar im Schnitt die geeigneteren Nutzer von Twitter Co. Ich bewege ich mich seit einigen Wochen ursprünglich berufsbedingt mit wachsender Begeisterung in diesem Netzwerk. Es war allerdings bereits der dritte Anlauf. Beim "ersten Mal", ganz in der Anfangszeit des Mediums, empfand ich es schlichtweg als langweilig und leer, beim zweiten Mal störte mich der Lärm der Worthülsen. Aktuell genieße ich das Nebeneinander von belangloser Kommunikation und Hinweisen zu hochinteressanten Beiträgen sowohl aus dem beruflichen Umfeld als auch meiner privaten Leidenschaften. Ich bin dabei sehr schnell auch auf junge Menschen getroffen, die sich in Blogs und sonstigen Beiträgen zu den unterschiedlichsten Dingen zu Wort melden und ihre Umwelt reflektieren. Diese Medienkanäle ernst zu nehmen und sich mit ihnen in qualitativer Hinsicht zu messen, dürfte ein Schlüssel für den klassischen Journalismus sein, seine Orientierungsfunktion wiederzuerlangen. Ausblenden wie einen unangenehmen Leserbrief in analogen Zeiten, ist hingegen keine Option mehr. Denke ich jedenfalls. Und dieses Mal könnte ich (wieder) richtig liegen!

P.S: Der "neue" lokale Journalismus könnte ggf. auch einsehen, dass es NICHT seine Aufgabe ist, alle anderen Sportarten dem Massenthema Fußball unterzuordnen....     



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