Die Allgemeine Zeitung berichtet in der Ausgabe vom 18. Dezember auf der ersten Sportseite über die Wahl der Sportler des Jahres 2012. In dem Artikel geht es fast ausschließlich um die Siegerin bei den Frauen, Magdalena Neuner. Die Mannschaft des Jahres, der Ruder-Achter, wird ebenso nur in einem Nebensatz erwähnt wie der Sieger bei den Männern, Robert Harting. Dabei haben sich diese doch gegen höher gewettete "populärere" Konkurrenten durchgesetzt. An den Sieg Hartings gegen Sebastian Vettel dürften selbst viele Leichtathletik-Fans nicht so richtig geglaubt haben. Harting wird dann immerhin noch mit einem Zitat aus seiner Dankesrede "gewürdigt". Dass der Redaktion dabei ein etwas peinlicher Tippfehler unterlaufen ist, kann man als mangelnde Sorgfalt interpretieren. Wer um mehrere Ecken denkt, könnte auch auf andere Interpretationsmöglichkeiten stoßen. Denn Sorgfalt hat meist auch etwas mit Wertschätzung zu tun.
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| Mainzer Allgemeine Zeitung v. 18.12.2012 |
Auch in seinem Kommentar widmet sich der zuständige Redakteur ausschließlich Magdalena Neuner. Der Autor lehnt sich dabei recht weit aus dem Fenster und würdigt das frühe Karriereende der Biathletin nochmals als richtige und weitsichtige Entscheidung. Die Begründung: Ihr stünden jetzt alle Türen offen, als Fotomodell für Dessous (!!), Designerin von Strickmoden und als Gast in Talkshows! Anders formuliert: Der Rubel rollt, weil sie nicht nur hübsch ist, sondern sich auch zum richtigen Zeitpunkt verabschiedet hat. Ein langsames Ausklingen der Karriere, vielleicht noch getrübt durch "Niederlagen" gegen dann deutlich jüngere Konkurrenten hat sie sich erspart. Kompliment!
Selbstverständlich hat jeder Athlet das Recht selbst zu entscheiden, wann Schluss ist. Hier geht es also nicht um eine Kritik an Magdalena Neuner, deren Entscheidung durchaus nachvollziehbar ist. Man führe sich etwa vor Augen, wie ein Michael Schuhmacher von Teilen der Presse am Ende demontiert wurde. Am spätestens hier sei die Frage erlaubt, ob dies nicht eher ein Zeichen heruntergekommener Wertvorstellungen ist als eines zu späten Karriereendes? Man könnte ja auch auf die Idee kommen, dass Magdalena Neuner vielleicht ihrer Vorbildfunktion (noch) gerechter geworden wäre, wenn sie sich ein paar Jahre mehr aktiv in den Dienst ihres Sports gestellt hätte. Man könnte ebenso fragen, ob Gewinnmaximierung in eigener Sache in einer olympischen Sportart ("dabei sein ist alles?!") das einzig wahre Kriterium ist, auf das es ankommt. Vielleicht findet man es ja sogar erwähnenswert, dass mancher Leistungssportler seine Sportart so sehr liebt, dass er sie auch dann noch betreibt, wenn er aus Altersgründen nicht mehr unter den Besten der Besten steht. Möglicherweise findet man sogar erfolgreiche Seniorensportler, die gerade deshalb ein Vorbild für die Jugend sind, weil sie den Sport als unverzichtbare Konstante ihrer Lebens nicht missen wollen?
Damit nicht genug: Unter Umständen kommt ein Sportjournalist sogar auf eine total verrückte Idee. Er könnte über das blanke und noch dazu missverständliche Zitat Hartings hinaus auf dessen grundsätzliche Systemkritik eingehen, statt ausschließlich über die Verdienstmöglichkeiten einer zweifellos hübschen und sympathischen Magdalena Neuner in der Welt der Dessous-Mode zu spekulieren? Nicht völlig auszuschließen, dass er dabei sogar auf den Gedanken kommt, dass das eine - die Kritik Hartings - mit dem anderen - seinen eigenen Bewertungsmaßstäben - etwas zu tun haben könnte. Schließlich und endlich könnte sogar das aktuelle Top-Thema des Sports den Inhalt eines solchen Kommentars bereichern. Immerhin widmen sich weite Teile der Sportberichterstattung aktuell ja den Bedürfnissen einer zahlenmäßig überschaubaren Menge von Menschen, die meist nicht einmal selbst aktiv Sport betreiben. Stattdessen sind sie "Fans" einer vom "Kapital" besonders luxuriös getragenen Sportart. Kapital, das übrigens auch von mir für Dauerkarten, Getränke, Feuerwürste und Co. Jahr für Jahr für eine Sportart mit aufgebracht wird. Und dennoch bin ich ganz bei Robert Harting.

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