Freitag, 25. Januar 2013

Arbeiterkind - Einzelkind

Du schaffst es nicht! Das ist der Tenor eines sehr lesenswerten Artikels in der ZEIT, in dem der heutige Journalist Marco Maurer Einblick in seine Lebensgeschichte als "Arbeiterkind" beim Kampf durch unser Bildungssystem gewährt. In mir als mindestens genauso Betroffenen weckt der Artikel unweigerlich Erinnerungen an die eigene Vergangenheit, die bis zum heutigen Tage geprägt ist vom permanenten Kampf gegen kleine und große Ungerechtigkeiten und nicht zuletzt auch dem Gefühl, nicht so richtig dazu zu gehören. Marco Maurer stellt den Lehrer, der ihn mit diesem "Du schaffst es nicht!" seinen Wunsch nach sozialem Aufstieg als Flausen eines Heranwachsenden aus dem Kopf hämmern wollte, zur Rede. Über diese Option verfüge ich nicht, denn Frau S., in den 80ern Deutschlehrerin am Frauenlob-Gymnasium, weilt nicht mehr unter uns. 

In meinem Fall lautete das gesprochene Urteil sinngemäß "Du kannst ja nicht mal richtig Deutsch". Und dies nur deshalb, weil man den Geburtsort Mainz aufgrund eines von der hiesigen Umgangssprache dominierten elterlichen Umfelds auch in der 5. Klasse noch deutlich heraushören konnte, wenn ich sprach. Was so etwas in einem jungen Menschen auslösen kann, ist sicher nachvollziehbar. Derart eingeordnet gingen die mündlichen Leistungen rapide in den Keller und die Motivation gleich hinterher. Das "Du schaffst das nicht" kam dann von meinen Eltern, die sich in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt sahen und diesen Satz in den folgenden Jahren vor jeder von mir dann noch überwundenen schulischen wie beruflichen Hürde in den unterschiedlichsten Formen auch immer wieder ausgegraben haben. Dass die seinerzeit übliche Praxis, die Berufe der Eltern im Klassenbuch zu vermerken, nicht nur bei dem ein oder anderen Lehrer zu Vorurteilen führte, sondern einer stattlichen Zahl von Mitschülern großen Spaß bereitete, haben sie übrigens nie erfahren. In der Folgezeit bin ich sowohl einer "Ehrenrunde" als auch dem Verweis auf die Realschule mehrmals nur knapp entronnen. Und irgendwann muss dann eine Art Trotzreaktion in mir gewachsen sein, eine Art "Jetzt erst recht", die mich bis heute begleitet und mein Leben bestimmt. Meine Ausdauer und Konsequenz im Sport, trotz der mir des öfteren nachgesagten "Talentfreiheit" eine gewisse Leistung zu erbringen, dürfte ihre Wurzeln ebenfalls in dieser Vergangenheit haben.  

Insofern unterscheidet sich mein Weg von dem Marco Maurers, der sehr viel früher in die richtige Richtung gelaufen sein muss und dabei irgendwann auch Unterstützung erhielt. Daher konnte seine Historie wohlmöglich auch weniger Spuren hinterlassen als in meinem Fall. Meine objektiv betrachtet in der Tat vorhandene überschnelle Gereiztheit bei Angriffen (oder dem,w as ich dafür halte!) und das Umschalten in den Kampf-Modus ist aus diesem Dauer-Kampf heraus entstanden. Schließlich konnte sich ein gesundes Selbstbewusstsein bei einem solchen Lebensweg nur schwer entwickeln, galt es doch stets, den eigenen Wert auch da nachweisen zu müssen, wo er bei anderen einfach nur unterstellt wurde. Und sie führte irgendwann auch dazu, dass etwa das jahrelange Mobbing eines "Sportlers" wie Mark L., überregional auch bekannt geworden durch das Thema "Doping im Freizeitsport", und seiner Helfer in dem Moment nicht mehr an mir abprallen konnte, als ich mich durch meine schwere Verletzung sportlich nicht mehr "verteidigen" konnte. Und als dann der Damm einmal gebrochen war, trafen mich die Folgen derart, dass ich ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen musste.

Parallelen zur Geschichte von Marco Maurer finden sich aber an anderer Stelle. Denn mit jedem Schritt heraus aus der durch die soziale Herkunft offenbar vorgegebenen Schublade des Lebens wird man leicht einsam. Denn man gehört meist nirgendwo mehr richtig dazu: In der Schule blieb man lange das Arbeiterkind zwischen dem Akademiker-Nachwuchs, mit dem man häufig schon aus finanziellen Gründen nicht mithalten konnte (und sollte). Zu Hause "auf dem Dorf" war man der Gymnasiast und später, noch übler, der Student und daher in der Regel nicht mehr gern gesehen. Soziale Bindungen blieben da meist auf wenige Personen beschränkt. Zu spüren bekam man das damals sogar im Sportverein, wo man trotz überdurchschnittlicher Leistungen und Einsatzwille nie über eine Mitläuferrolle hinauskommen sollte. Später im Studium führte dann in meinem Fall der selbst auferlegte Druck, es "dennoch" zu schaffen, zu einem Studentenleben, das mir kaum Zeit ließ, neue Kontakte zu knüpfen und soziale Beziehungen zu pflegen. Noch heute muss auch ich den meisten Menschen aus dem heimatlichen Umfeld übrigens erst einmal beweisen, dass ich nicht der überhebliche Akademiker bin, für den sie mich erst einmal halten - Unschuldsvermutung gibt es da in der Regel nicht. Und leistet man sich doch einmal einen kleinen "Ausrutscher", der in anderen Fällen vielleicht mit einem Augenzwinkern durchgewunken würde, ist man rasch "zurück auf Los". Umgekehrt werde ich bei Klassentreffen am Gymnasium von ehemaligen Mitschülern und Lehrern manchmal genauso kritisch beäugt, weil ich offenbar einen ganz anderen Weg gegangen bin, als den, den man mir zugedacht hatte.

Vieles von dieser Geschichte würde sich heute so nicht wiederholen. Vieles davon ist auch eigenen Fehlern und Fehleinschätzungen und nicht dem Bildungssystem geschuldet. Doch von wirklicher Chancengleichheit sind wir an vielen Stellen auch heute noch weiter entfernt, als es uns viele Politiker einreden wollen. Und dabei ist es meines Erachtens übrigens nicht der Weisheit letzter Schluss, Schulformen umzubenennen und aller Schüler in einen Topf zu werfen. Dies geht an den tatsächlichen Hürden, die "Arbeiterkinder" und ihre Nachfolger beim sozialen Aufstieg überwinden müssen, vorbei. Ich gehöre zu dem kleinen Prozentsatz, der es bis zu den höheren Weihen unseres Bildungssystems geschafft hat. Daher habe ich längste meinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht. auch wenn bestimmte Narben nie verschwinden dürften. Doch ich bin sicher, dass es viel mehr von unserer Sorte geben würde, wenn man sie denn ließe.

2 Kommentare:

  1. Meine Eltern haben beide Hauptschulabschluss. Genauso ging es den meisten meiner Freunde. Dennoch haben wit Abitur gemacht, studiert und einige promoviert. Dad Schulsystem habe ich insofern als sehr fair empfunden. Einzig im Fussballverein gab es so etwas wie eine Ausgrenzung der Gymnasiasten. Deine Darstellung durfte daher eher die Beschreibung eines Einzelfalls als die Regel sein.

    AntwortenLöschen
  2. Erst einmal Danke für den Kommentar. Wenn mein eigener und der in dem Artikel beschriebene Fall Einzelfälle waren und sind, würde ich mich sehr freuen. Mir ging es ja auch nur um die Verarbeitung der eigenen Historie. Wenn ich mir die Statistiken anschaue und die Arbeit von Arbeiterkind.de, sieht es vielleicht etwas anders aus?!

    AntwortenLöschen